Weltweit grösste Insekten-Studie: moderater Abwärts-Trend, einige Verbesserungen, aber keine «Insekten-Apokalypse»

Insekten spielen eine wichtige Rolle in der Natur, zum Beispiel bei der Bestäubung oder beim Abbau von organischem Material. In den letzten Jahren wuchsen Befürchtungen vor einem massiven globalen Insektensterben mit verheerenden Folgen. Eine neue Untersuchung zeichnet jetzt ein differenziertes Bild: während Süsswasser-Insekten leicht zunehmen, wurde bei landlebenden Insekten ein Rückgang um 0.9% pro Jahr beobachtet. Zu den Gründen gehört auch ein allgemeiner Schwund des Nahrungsangebots für Insekten.
Die Nachricht schlug 2017 hohe Wellen: Insektenkundler aus Deutschland beschrieben in der «Krefelder Studie» einen dramatischen Insektenschwund. Die Biomasse von Fluginsekten sei innerhalb von 27 Jahren um mehr als 75% zurückgegangen. Auch wenn die Methodik der Studie in Fachkreisen kritisiert wurde und betont wurde, dass die Resultate aus verschiedenen Naturschutzgebieten nicht verallgemeinert werden dürften, wurden die Resultate in den Publikums-Medien oft vereinfacht wiedergegeben. Es wurde vor einer «Insekten-Apokalypse mit verheerenden Folgen» gewarnt. Ähnlich wie bei dem vor einigen Jahren angekündigten Bienensterben, dass sich dann doch nie in dem befürchteten Umfang bewahrheitet hat, wurde auch für das Insektensterben vor einem bevorstehenden Kollaps der Ökosysteme und damit vor einer unmittelbaren Bedrohung der Menschheit gewarnt.
Tatsächlich zeigen Untersuchungen aus aller Welt, dass die Biodiversität vielerorts unter Druck steht – und das trifft auch auf Insekten zu. Grund dafür ist in erster Linie ein Verlust von natürlichen, unberührten Lebensräumen durch eine Ausweitung und Intensivierung der Nutzung durch den Menschen. Allerdings ist eine differenzierte Betrachtung erforderlich, und es müssen umfangreiche, langfristige Daten erhoben werden, um verlässliche Aussagen zu machen. Die gründlichste Langzeit-Untersuchung zur Insekten-Biomasse wurde seit 1967 an zahlreichen Orten in Grossbritannien an Motten und Nachtfaltern im Rahmen der «Rothamsted Insect Survey» (RIS) durchgeführt. Die Daten (Macgregor 2019) belegen, dass die Falter-Biomasse zwischen 1967 and 1982 deutlich zunahm und seither für viele Arten (aber nicht für alle) langsam wieder zurückgeht. Allerdings ist die Insekten-Masse heute immer noch etwa doppelt so hoch wie zu Ende der 1960er Jahre. Die Gründe für diese starken Schwankungen sind unklar, die Autoren halten klimatische Einflüsse und ungewöhnliche Störungen der Ökosysteme für möglich. Sie weisen darauf hin, dass viele neuere Studien erst zu einem späteren Zeitpunkt begonnen wurden, und daher die von ihnen beobachtete starke Vermehrung der Falter Ende der 1960er Jahre nicht erfassen. Ihre eigenen Daten, aus der weltweit besten Langzeit-Studie, geben keinen Hinweis auf den verbreitet befürchteten Kollaps der Insekten-Biomasse.
Um eine aktuelle Übersicht der weltweiten Entwicklungstrends bei den Insekten-Populationen zu geben, haben Forschende aus Deutschland, den Niederlanden und aus Russland 166 Langzeitstudien von 1676 weltweit verteilten Standorten aus 41 Ländern ausgewertet und in einer aktuellen Meta-Studie zusammengefasst (Roel van Klink 2020). Sie beobachteten grosse Unterschiede selbst zwischen eng benachbarten Untersuchungs-Gebieten. In Ländern mit vielen Langzeitstudien wie Deutschland, Großbritannien oder den USA fanden sie sowohl Orte mit Rückgängen als auch Orte mit wenig Veränderungen oder sogar mit Zunahmen. Im globalen Durchschnitt errechneten sie einen Rückgang der landlebenden Insekten um etwa 8.8% pro Jahrzehnt. Die Anzahl baumbewohnender Insekten stagnierte, Süsswasser-Insekten dagegen nahmen um etwa 11.3% pro Jahrzehnt zu. Eindeutige Ursachen für diese Trends konnten die Forscher aufgrund der Daten nicht identifizieren. Eine zunehmende Verstädterung wirkte sich nachteilig auf die Häufigkeit der Insekten auf. Andererseits trug ein hoher Nutzpflanzen-Anteil auf den Untersuchungsfläche zu einer Stabilisierung bei. Einen deutlichen Einfluss von Klima-Faktoren konnten die Forscher aus ihren Daten nicht ableiten. Die Zerstörung von Lebensräumen und Veränderungen bei der Landnutzung scheinen die Hauptursachen für negative Trends bei den Insekten-Populationen zu sein, ebenso wie für die gesamte Biodiversität. Diese umfangreiche Meta-Studie gibt ein wesentlich nuancierteres Bild zu den weltweiten Trends bei der Entwicklung der Insekten-Populationen als einige in den Medien stark sensationalisierte Einzelstudien, aus den ein massives weltweites Insektensterben abgeleitet wurde.

Ein Hornkleewidderchen sitzt auf einer Wiesenflockenblume. (Bild: Beat Wermelinger)
Für die Schweiz identifizierte ein Forscherteam aus der Schweiz und aus Deutschland, zusammen mit 250 freiwilligen «Citizen Scientists» einen dramatischen Schwund an Futterpflanzen für Insekten als wichtigen Treiber für den Rückgang vieler Insektenarten (Abrahamczyk 2020). Sie verglichen das Vorkommen von Futterpflanzen für unterschiedliche Insekten im Kanton Zürich aus historischen Erhebungen von 1900 bis 1930 mit dem aktuell vorgefunden Angebot an Futterpflanzen (Kartierungen 2012 bis 2017). Dabei fanden sie bei der Hälfte der untersuchten Pflanzenarten deutliche Rückgänge, vor allem durch einen Verlust an speziellen Lebensräumen (z. B. Feuchtgebieten), und durch die Vereinheitlichung und intensivere Nutzung der Landschaft. Besonders von dem Rückgang betroffen waren ohnehin schon wenig verbreitete Pflanzen, die spezialisierten Insekten als Nahrungsquelle dienen. Dadurch schrumpft für diese das Nahrungsangebot. Ein Rückgang dieser Insektengruppen aufgrund von Futtermangel wirkt sich dann wieder nachteilig auf die Befruchtung der Pflanzen aus, die dadurch noch seltener werden – ein Teufelskreis. Als Ausweg, um den Trend der Insekten-Abnahme zu stoppen, sehen die Forscher nur eine Ausweitung geeigneter Lebensräume mit einem geeigneten Nahrungsangebot. Dazu könnten z. B. Blühstreifen an Feldrändern beitragen, die für viele Insektenarten und Nützlinge das Nahrungsangebot verbessern. Für spezialisierte Insekten wäre allerdings die Wieder-Ansiedlung ihrer Futterpflanzen erforderlich, da diese nicht durch andere Pflanzen ersetzt werden können – eine grosse Herausforderung.
Weitere Informationen
- Roel van Klink et al. 2020, Meta-analysis reveals declines in terrestrial but increases in freshwater insect abundances, Science 368:417-420
- Bislang umfassendste Studie bestätigt Rückgang landlebender Insekten, zeigt aber Erholungen bei Süßwasserinsekten, Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv), 24.04.2020
- Callum J. Macgregor et al. 2019, Moth biomass increases and decreases over 50 years in Britain, Nature Ecology & Evolution 3:1645–1649 (Volltext)
- Stefan Abrahamczyk et al. 2020, Shifts in food plant abundance for flower-visiting insects between 1900 and 2017 in the canton of Zurich, Switzerland, Ecological Applications (online 23.04.2020, DOI:10.1002/EAP.2138)
- Dramatischer Schwund an Futterpflanzen für Insekten, Medienmitteilung Universität Zürich, 27.04.2020
- Blühstreifen für Bestäuber und andere Nützlinge, AGRIDEA Merkblatt Nr. 2616 (2019)